WALDHEIMAFFAIRE  VOR  20 Jahren -   ZWEI  ANSICHTEN  von ZEITZEUGEN    - zwei unterschiedliche Wahrnehmungen.... 

Waldheim und die Wende: Die SN sprachen mit zwei Persönlichkeiten, die während der Affäre Waldheim als Strategen in SPÖ und ÖVP wirkten.

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Andreas Koller interviewt NR Peter Schieder, 64 Jahre, dieser war zur Zeit der Affäre Waldheim als Zentralsekretär der SPÖ eine der Schlüsselfiguren des Wahlkampfs. Heute ist er außenpolitischer Experte der SPÖ und Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses des Nationalrats.

"In die Falle der ÖVP getappt..."

SN : Wie beurteilen Sie denn aus heutiger Sicht den Wahlkampf der SPÖ 1986 ?

Schieder: Es war richtig, bei einem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, der in seinem Lebenslauf Dinge auslässt, zu fragen: Was hat er in dieser Zeit gemacht? Was wir nicht bedacht haben, war, dass diese Angelegenheit eine Eigendynamik bekommen würde. Und aus dem Umstand, dass Waldheim möglicherweise in nationalsozialistischen Organisationen tätig war, viel weiter gehende Vermutungen angestellt wurden. Nicht richtig eingeschätzt wurde auch - und ich habe es auch nicht für möglich gehalten und bin noch heute verwundert darüber -, dass die ÖVP als Gegenattacke einen Wahlkampf inszenierte, der bewusst an nationalistische und unterschwellig an antisemitische Gefühle anknüpfte.

SN : Sie meinen die ÖVP-Plakate ...

Schieder: Ja. Vor allem die Slogans "Jetzt erst recht" und "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen".

SN : Diese Sprüche mögen nationalistisch sein - aber wieso antisemitisch?

Schieder: Die Plakate waren schwarzgelb, das sind die Farben, die beim Judenstern der Nationalsozialisten Verwendung gefunden haben. "Wir Österreicher" zielte nicht nur gegen das Ausland, sondern auch gegen den Jüdischen Weltkongress. Und damit auch indirekt die Juden im eigenen Land.

SN Die SPÖ konnte nie den Verdacht ausräumen, hinter der Anti-Waldheim-Kampagne zu stehen. Dass Kanzler Sinowatz bereits lange vor dem Wahlkampf in einer Vorstandssitzung der burgenländischen SPÖ ankündigte, man werde die "braune Vergangenheit" Waldheims öffentlich machen, ist gerichtsnotorisch.

Schieder: Was Sinowatz damals im Burgenland angekündigt hat, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es bereits vorher Veröffentlichungen über Tätigkeiten Waldheims in nationalsozialistischen Organisationen und seine Zeit auf dem Balken gab. Das "profil" und der ORF haben diese Frage schon Jahre vorher gestellt. Das war der SPÖ bekannt, und darauf hat Sinowatz möglicherweise angespielt. Ich weiß aber von keinerlei Kontakten der SPÖ zum Jüdischen Weltkongress.

SN : Die SPÖ hat aber nichts dazu beigetragen, den Konflikt um Waldheim zu beruhigen. Sinowatz erlaubte sich sogar die Pointe, dass nicht Waldheim, sondern nur sein Pferd bei der SA war. Das hat bei der ÖVP für erhebliche Empörung gesorgt.

Schieder: Für mich stellen sich die Fakten so dar: Ein Kandidat lässt Punkte seiner Vergangenheit aus. Dann stellt sich heraus: Er war in dieser Zeit mit der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan. Und er war - wahrscheinlich - bei Unterorganisationen der NSDAP. Und statt nun offensiv diese Dinge aufzuklären, hörte man von diesem Kandidaten nichts als Ausflüchte. Wir wollten nichts weiter, als dass Waldheim diese Widersprüche klärt. Die ÖVP hat uns aber fälschlicherweise unterstellt, wir hätten Waldheim als Kriegsverbrecher denunziert. Damit hat die ÖVP den Konflikt überhöht, um gegen etwas protestieren zu können, was wir gar nicht gesagt hatten. Und wir sind möglicherweise in diese Falle der ÖVP getappt.

SN : Beim ehemaligen SS-Angehörigen Friedrich Peter war die SPÖ weit weniger pingelig. Der sollte sogar zum Dritten Nationalratspräsidenten gekürt werden.

Schieder: Ob man bei Peter zu großzügig war, möchte ich jetzt nicht kommentieren. Im Unterschied zu Waldheim und seiner möglichen SA-Mitgliedschaft hat Peter seine SS-Vergangenheit aber nicht verheimlicht.

Die Frage ist, ob er alles erzählt hat.

Schieder: Das wissen wir bei niemandem. Aber Sie haben recht, die SPÖ hat in diesen Dingen keine ganz reine Vergangenheit.

War die Diskussion um Waldheims Vergangenheit wahlentscheidend?

Schieder: Ich glaube nicht.

Waldheim hätte also auf jeden Fall gewonnen?

Schieder: Unser Kandidat Kurt Steyrer hätte eine Chance gehabt, wenn es nach Sympathie gegangen wäre. Aber offensichtlich hat Waldheim eher dem Bild, das sich die Wähler von einem Bundespräsidenten machten, entsprochen. Vielleicht ging es auch ums Gleichgewichtsdenken: Roter Bundeskanzler - schwarzer Bundespräsident.

Hat die Affäre Waldheim und alles, was daraus folgte, Österreich verändert?

Schieder: Es hat sicher zu einer gründlicheren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geführt. Sowohl in den Familien als auch in der der Gesellschaft und in der Politik.

SN 28.2.2006

http://www.salzburg.com/sn/06/02/28/artikel/1969567.html

 Alexander Purger Interview Kurt Bergmann, 70, war zur Zeit der Waldheim-Affäre politischer Direktor des ÖVP-Klubs und einer der Köpfe der ÖVP-Gegenkampagne. Heute sitzt Bergmann, Erfinder von "Licht ins Dunkel" und "Nachbar in Not", im ORF-Stiftungsrat.

"Die SPÖ hat sich ünberschätzt...."

SN : Herr Bergmann, woran denken Sie heute spontan, wenn sie "Waldheim-Affäre" hören?

Bergmann: Dass Parteien offenbar nichts lernen. Denn der Waldheim-Skandal war die Anleitung für den Schuss ins eigene Knie. Die SPÖ hat damals eine Kampagne der persönlichen Verunglimpfung begonnen, die auch über das Ausland gespielt wurde, und das ist genau nach hinten losgegangen.

SN : Wann hat die ÖVP damals zum ersten Mal gemerkt, dass da etwas gegen Waldheim kommt?

Bergmann: Das ist eine Geschichte, die von Herzmanovsky-Orlando sein könnte: Lange bevor der Wahlkampf losging, haben sich auf einer Toilette des ORF zwei Mitarbeiter über Waldheim-Akten unterhalten, die Material für den Wahlkampf sein könnten. Und ein dritter ist auf der Toilette gesessen und hat das mitgehört. Der ist dann zu seinem Chef, dem Unterhaltungsintendanten Ernst Wolfram Marboe, gegangen. Und der hat seinen Bruder Peter Marboe informiert, der wiederum Leiter des Waldheim-Büros war. So haben wir zum ersten Mal vom Vorhaben der SPÖ erfahren, Kurt Waldheim mit "brauner Vergangenheit" zu bewerfen.

SN : Hat die ÖVP damals überlegt, Waldheim zurückzuziehen?

Bergmann: Nein, nie. Das hätte ja ein Eingeständnis bedeutet, dass die Vorwürfe richtig wären. Das war dem Kandidaten nicht zumutbar. Außerdem haben wir alle miteinander die internationalen Weiterungen der Affäre unterschätzt. Dass da auch eine Schiene aus dem Ausland läuft, war uns damals noch nicht so bewusst.

SN : Hat Waldheim selbst überlegt, auf die Kandidatur zu verzichten?

Bergmann: Das weiß ich nicht, aber ich habe ihn als Kämpfertyp kennen gelernt, der die Flinte nicht so schnell ins Korn wirft. Und am Ende wurde ihm ja von allen Seiten bestätigt, dass die Vorwürfe haltlos waren: Er war kein Kriegsverbrecher, er war nicht Mitglied der NSDAP.

SN : Zum Vorwurf wurde ihm vor allem auch sein Satz gemacht: "Ich habe nur meine Pflicht erfüllt."

Bergmann: Es war eine hektische, aufgeregte Zeit, in der natürlich auch Fehler gemacht wurden. Vor allem, wenn man sich ins Eck gedrängt fühlte. Aber das passierte auf allen Seiten: Ich glaube, dass Dr. Sinowatz mindestens die Hälfte seiner Sprüche von damals leid tun.

SN : Man hat der ÖVP vorgeworfen, ihr Wahlkampf sei nationalistisch und antisemitisch gewesen.

Bergmann: Also von Antisemitismus war überhaupt keine Rede. Es war doch alles klar: Da war der Dr. Pusch (Kabinettschef von Bundeskanzler Sinowatz, Anm.), der das alles angezündet und strategisch betrieben hat. Der hat im World Jewish Congress einen Interessierten an so einem Thema gefunden. Und mit der New York Times zusammen ist dann die Kampagne von jenseits des Ozeans gekommen. Unsere Reaktion hatte mit jüdisch oder nichtjüdisch überhaupt nichts zu tun, sondern mit der Kampagne: Denen ging es darum, Waldheim aus dem Rennen zu werfen. Wir haben natürlich gekontert: "Jetzt erst recht. Wir wählen, wen wir wollen." Woher der Angriff kam, war im Grunde egal. Es ging darum, sich dagegen zu wehren, dass von außen her Einfluss auf eine österreichische Wahl genommen wird.

Im Rückblick: War es ein Sieg, auf den man stolz sein konnte? "Das war eine Situation, die nicht im Triumph enden konnte"

Bergmann: Es war eine Auseinandersetzung, auf die man nicht stolz sein konnte. Kann man dann auf das Ergebnis stolz sein? Nein, kann man auch nicht. Auf der anderen Seite hätte man auch nicht stolz sein können, wenn Waldheim die Wahl verloren hätte. Also das ganze war eine Situation, die nicht im Triumph hat enden können.

1986/87 gab es auch den Regierungswechsel zu Rot-Schwarz, den Aufstieg Jörg Haiders und der Grünen. War Waldheim Auslöser oder Symptom dieser Zeitenwende?

Bergmann: Waldheim war Symptom, nicht Auslöser. Das wäre eine Überschätzung der Bundespräsidentenwahl an sich. Nein, das alles war das Symptom einer nach Kreisky nicht mehr wirklich funktionierenden sozialdemokratischen Regierung. Die SPÖ hat sich damals - und da gibt es Parallelen zur ÖVP 20 Jahre davor - als politische Kraft überschätzt. Sie war nach Kreisky im Auslaufen. Und Sinowatz, Vranitzky und Klima haben die Regierungsfähigkeit ihrer Partei einfach nicht mehr richtig auf den Tisch gebracht.

 

 

 

 

 

 

 

SN 28.2.2006

http://www.salzburg.com/sn/06/02/28/artikel/1969568.html